Übungen/Verkehrsunfall

Aus LEStockum

Wechseln zu: Navigation, Suche

Übung: Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person

In der am 16. Mai 2003 durchgeführten Übung ging es um die Befreiung einer eingeklemmten Person aus einem verunfallten PKW. Für diese Übung stand der Löscheinheit ein alter Fiat zur Verfügung - natürlich entsprechend vorbereitet (Kraftstoff, Öl und Kühlflüssigkeiten entfernt).

Der vorbereitete PKW vor der Übung

Selbstverständlich ist eine solche Situation in einem Einsatz nicht zu erwarten: Der PKW war unbeschädigt, von allen Seiten frei zugänglich und alle Scheiben intakt. Für das Trainieren der notwendigen Maßnahmen ist dies jedoch kein Hindernis.

Anzumerken ist, dass auf den folgendem Bildern lediglich eine Übung gezeigt wird und somit einige Vorsichtsmaßnahmen entfallen sind: Weder ist die "Einsatzstelle" weiträumig abgesperrt und von Zivilisten befreit, noch stehen Kameraden mit den benötigten 2 unabhängigen Löschmitteln zur Sicherung parat (der Schnellangriff und ein Pulverlöscher wurden vorbereitend in Stellung gebracht, jedoch nicht permanent bemannt gehalten). Obendrein befinden sich die Kameraden zumeist alle in der Nähe des Fahrzeugs - im Einsatzfall sind lediglich der Angriffstrupp, ein Betreuer für den Patienten, der Rettungsdienst samt Notarzt (falls bereits eingetroffen) sowie der Gruppenführer in der Nähe des Fahrzeugs.

Zur Rettung der eingeklemmten Person selbst bleibt zu vermerken, dass sich das allgemeine Vorgehen in den letzten Jahren geändert hat. Während früher eine "Crash-Rettung" üblich war, bei der der Verletzte so schnell als eben möglich aus dem verunfallten Fahrzeug geholt und dem Rettungsdienst übergeben wurde, steht heute die patientengerechte Rettung im Vordergrund. Hierbei wird mit der notwendigen ärztlichen Versorgung bereits im Auto begonnen und das verunfallte Auto langsam und vorsichtig um den Verletzten herum abgebaut, um eine den Verletzten schonende und somit weiterführende Schäden vermeidende Rettung zu gewährleisten. Auf die Methode der "Crash-Rettung" wird nur dann zurückgegriffen, wenn das Leben des Verunfallten von einer schnellen Befreiung abhängt - zum Beispiel bei einem Herzstillstand.

Das Auto wird unterbaut

Als erstes wird das Fahrzeug unterbaut, damit es sich im weiteren Verlauf der Aktion nicht in Bewegung setzt. Hierzu eignen sich diverse auf dem Fahrzeug verlastete Holzbalken, Bretter und Keile genauso gut wie die ebenfalls verfügbaren B-Schläuche. Den verletzten und eingeklemmten Fahrer spielt in diesem Fall ein Kamerad der Löscheinheit, der sich die ganze Aktion mal aus der "anderen Perspektive" heraus ansehen wollte.

Zum Entlüften der Reifen: Ventil abziehen

Nach dem Unterbauen wird die Luft aus den Reifen gelassen. Um den Unfall-Ermittlern der Polizei die Arbeit nicht zu erschweren, werden die Reifen nicht angestochen oder anderweitig im Laufbereich beschädigt. Eine einfache Alternative ist das Herausziehen der Ventile.

Als nächstes bzw. parallel dazu steht die Betreuung des Verletzten an. Hierzu muß ein Zugang zum Fahrzeuginneren geschaffen werden. In dieser Übung wurde angenommen, dass sich die Türen nicht öffnen lassen, daher wurde die Heckscheibe als Zustieg gewählt.

Mit Klebestreifen abgeklebte Heckscheibe
Mit Klebestreifen abgeklebte Heckscheibe
Abkleben der Heckscheibe mit Klebeband

Um die Heckscheibe zu entfernen wird diese zuerst mit Klebeband abgeklebt. Hiermit wird ein komplettes Zerfallen der Scheibe verhindert. Danach wird die Scheibe mit einem Körner an einer Ecke beschädigt, was zu einem kompletten Zersplittern der gesamten Scheibe führt (Sicherheitsglas). Durch das Klebeband werden die Splitter großflächig zusammengehalten - die Scheibe kann nun entnommen werden.

Entnahme der Heckscheibe
Betreuer besteigt das Fahrzeug
Entnahme der Heckscheibe und Zustieg des Betreuers

Nach der Entnahme der Heckscheibe und dem Entfernen der restlichen Splitter kann nun der Betreuer zusteigen. Unser Übungswagen hatte eine einfache Heckscheibe - bei manchen Modellen ist inzwischen auch die Heckscheibe aus Verbundglas und mit der hier vorgestellten Methode nicht zu entfernen. Bei solchen Scheiben verfährt man dann wie bei der Frontscheibe.

Der zugestiegene Betreuer führt nun die notwendigen Ersthelfer-Maßnahmen durch und schützt den Verletzten vor eventuellen Splittern mit Hilfe einer Wolldecke. Obendrein erklärt der Betreuer von nun an dem Verletzten jeden durchgeführten Arbeitsschritt der Kameraden außerhalb des Fahrzeugs, um ihn zu beruhigen und eine Panik-Reaktion zu vermeiden.

Mit Wolldecke geschützter Verletzter
Vorbereitete Seitenscheibe
Der mit der Wolldecke geschützte Verletzte und die Seitenscheibe auf der Fahrerseite

Danach wird die Seitenscheibe auf der Fahrerseite entfernt, um dem Rettungsdienst einen ersten direkten Zugang zum Patienten zu ermöglichen. Auch hier wird wieder die Scheibe abgeklebt und mit Hilfe eines Körners zum Splittern gebracht - hierbei ist allerdings darauf zu achten, dass man nicht den hinter der Scheibe sitzenden Verletzten erwischt.

Nach der gleichen Methode werden auch alle anderen Seitenscheiben entfernt. Scheiben, die komplett heruntergekurbelt sind, werden mit einer Decke oder Klebeband am "Springen" gehindert und ebenfall mit dem Körner behandelt - dies verhindert ein späteres Splittern beim Entfernen der Türen.

Die Frontscheibe zu entfernen ist etwas aufwändiger, da diese aus Verbundglas besteht und nicht auf die bislang verwendete Methode zum Splittern zu bringen ist. Während es bei älteren Autos noch möglich war, mit einem Schraubendreher die Gummi-Einfassung der Scheibe zu entfernen und diese dann am Stück zu entnehmen, ist bei neueren Autos die Frontscheibe oft eingeklebt.

Der Glasmaster - das Werkzeug für Verbundglasscheiben

Mit dem hier abgebildeten Glasmaster lassen sich auch eingeklebte Verbundglasscheiben entfernen. Zuerst schlägt man mit der auf der rechten Seite sichtbaren Spitze ein Loch in die Scheibe, um dann mit der Säge (welche nur in Zugrichtung arbeitet, die Splitter also primär aus dem Fahrzeuginneren heraushält) die Scheibe zu durchtrennen.

Einschlagen der Scheibe
Sägearbeiten mit dem Glasmaster
Schaffung eines Lochs und Arbeiten mit der Glassäge

Auf diese Weise wird die Frontscheibe mit 4 Schnitten gelöst und das herausgetrennte Stück zur Seite gelegt. Alle abgetrennten Teile (Glasscheiben, Türen, Dach etc.) werden an einer zuvor festgelegten Stelle gestapelt, um den Ermittlern der Polizei die Arbeit nicht zu erschweren - finden diese ein Teil des Wagens an einer anderen Stelle, so hat sich dieses im Verlauf des Unfalls gelöst und wurde nicht von der Feuerwehr im Rahmen der Rettungsarbeiten demontiert.

Angesägte Frontscheibe
Frontscheibe wird entnommen
Angesägte Frontscheibe und ihre Entnahme

Nun, wo alle Scheiben entfernt wurden, kann mit der Demontage der Türen begonnen werden. Um an die Scharniere zu kommen, arbeitete man früher mit der "Rammbock-Methode", bei der man mit der Spitze des Spreizers mehrmals in den Spalt zwischen Tür und A-Säule schlug, bis ein entsprechend großer Spalt für den Einsatz des Spreizers geschaffen war. Diese Methode wird im Rahmen der patientenorientierten Rettung normalerweise nicht mehr angewandt, da die wiederholten Schläge und der damit verbundene Krach im Inneren des Fahrzeugs nicht unbedingt zur Beruhigung des Verletzten beitragen.

Zusammendrücken des Kotflügels
Vergrössern der Öffnung
Zusammendrücken des Kotflügels und Vergrössern der entstandenen Öffnung

Indem man den Kotflügel vorne im Bereich des Radkastens zusammendrückt, sorgt man für eine Öffnung, die entsprechend vergrößert werden kann. Hierdurch erlangt man Zugriff auf die Scharniere, die dann mit Hilfe des Spreizers auseinander gesprengt werden. Nach diesem Schritt wird die Tür lediglich von ihrem Schloß gehalten. Sollte man das Schloß nicht mehr öffnen können, so läßt sich die Tür relativ mühelos aus dem Schloß biegen. Die entfernte Tür wird dann auf den Ablageplatz gelegt und mit der nächsten Tür weitergemacht.

Die offengelegten Scharniere
Das Auto ohne die entfernte Tür
Die offengelegten Scharniere und das Ergebnis dieses Schritts

Natürlich fängt man wenn möglich mit der Tür auf der Seite des Verletzten an (nicht wie hier auf der Seite mit dem Betreuer), um dem Rettungsdienst besseren Zugang zum Patienten zu ermöglichen. Nacheinander werden nun alle (noch vorhandenen) Türen des Fahrzeugs entfernt.

Das Auto - nun ganz ohne Türen

Nach dem Entfernen aller Scheiben und Türen kommt man schon ganz gut an den Verletzten heran. Schön zu sehen ist die Decke, die den Patienten vor herumfliegenden Splittern schützen soll (denn normalerweise trägt ein Patient weder HUPF-Schutzkleidung noch einen Feuerwehr-Helm).

Durchtrennen der A-Säule
Durchtrennen der B-Säule
Durchtrennen der A- und B-Säule

Nachdem nun die Türen entfernt wurden, ist das Dach an der Reihe. Während man früher oft nur die A- und B-Säule durchschnitten und das Dach zurückgeklappt hat, werden heute alle Säulen durchtrennt und das Dach komplett zur Seite gelegt. Dies hat mehrere Gründe: Zum einen musste man, um das Dach zurückzuklappen, mit einem Brecheisen oder einer entsprechenden Metallstange auf das Dach schlagen, um die zum Knicken nötige Delle zu schaffen - dies ist natürlich wieder mit erheblichem Lärm im Fahrzeuginneren und somit mit einer zusätzlichen Belastung verbunden. Zum anderen bestand immer die Gefahr, dass das umgeklappte Dach zurückschlug. Ein Sichern des Daches gegen Zurückschlagen dauert jedoch genausolange wie das vollständige Entfernen des Dachs, so dass man heute normalerweise das komplette Dach einfach abtrennt.

Entfernen des Dachs
Auto ohne Dach
Entfernen des Dachs und das Ergebnis

Nach dem Durchtrennen aller Säulen wird das Dach mit mehreren Kameraden abgehoben und ebenfalls auf den Ablageplatz verbracht. Sollte der Patient noch immer eingeklemmt sein, muß nun zusätzlich weiterer Platz geschaffen werden. Zum einen können mit einem Pedalschneider die Pedale abgetrennt werden. Zusätzlich kann man das Armaturenbrett "hochklappen". Dies wurde früher durch das Ziehen der Lenkstange erreicht - ein Verfahren, das aufgrund seines Risikos heute nicht mehr als primäre Lösung angesehen wird.

Um den Freiraum im Fußbereich des Eingeklemmten zu vergrößern, setzt man stattdessen auf Rettungszylinder. Um ein Abklappen des Vorderwagens zu ermöglichen, muß man zuerst Entlastungsschnitte in den Schweller vornehmen. Danach wird auf der dem Verletzten abgewandten Seite der Rettungszylinder in Stellung gebracht und ausgefahren.

Vorbereitung des Rettungszylinders

Der Rettungszylinder wird zwischen der A-Säule und der B-Säule eingesetzt. Im unteren Bereich der Türöffnung wird ein sogenannter Kantenreiter eingesetzt. Dieser ermöglicht die Anpassung an verschieden große Türöffnungen und sorgt für einen sicheren Stand des Rettungszylinders. Mit dem Rettungszylinder wird nun der vordere Teil des Wagens nach vorne und oben gedrückt.

Ausgefahrener Rettungszylinder
Ergebnis des Rettungszylinder-Einsatzes
Der ausgefahrene Rettungszylinder und das Ergebnis auf der Fahrerseite

Durch das Ausfahren des Rettungszylinders hebt sich nun der Vorderwagen, zusammen mit dem Armaturenbrett. Dies bringt meistens die notwendigen Zentimeter, um eine eingeklemmte Person zu befreien.

Der Oktopus - ein Lenkrad-Bezug der besonderen Art

Auf dem Lenkrad sieht man den "Oktopus", ein Lenkrad-Überzug, der die Feuerwehrleute und den Verletzten vor einem eventuell noch auslösenden Airbag schützen soll. Der Überzug wird einfach über das Lenkrad gezogen und festgezurrt. Bei anderen Airbags ist ein Schutz leider nicht so einfach - weder Seitenairbags noch der Beifahrerairbag lassen sich so einfach abdecken.

Das vollständig zerlegte Auto und die Kameraden der Löscheinheit
Persönliche Werkzeuge